Unvergessliche 1000km an einem Tag

Ausflug auf die Wasserkuppe

Mit dem Ultraleichtflugzeug zur Wasserkuppe und zurück. Das war unser Plan. Vielleicht haben wir (Kaddi und Stefan) noch das große Glück unsere damalige Ka2 (auch vereinsintern „Else“ genannt) zu sehen, die dort fachmännisch repariert werden soll. Kaddi hatte schon so viel über dieses Flugzeug erzählt und ich wollte es unbedingt mal sehen. 

Die Wetterprognose für diesen Tag war sehr gut und aus der Gesamtstrecke (Hin- und Rückflug) von ca. 550 km errechnete sich eine Gesamtflugzeit von 3,5 Stunden. Also noch genug Zeit, um die besondere Atmosphäre auf dem Berg der Flieger, oder auch bekannt als „die Wiege des Segelflugs“ zu genießen.

Schnell noch den Flieger volltanken, die Sachen verstauen und bei der Flugleitung anrufen, um uns für den heutigen Tag anzumelden. Dann konnte es losgehen.

Wäre da nicht unsere Spontanität und die Frage von Kaddi, ob es dann noch weit zu meinem alten Heimatflugplatz wäre. Die Idee geisterte mir auch schon durch den Kopf und kurze Zeit später standen wir wieder vor der Flugkarte und schauten uns den neu aufgezeichneten Kursstrich an. Dieser führte uns durch die Kontrollzone von Stuttgart, östlich an Frankfurt vorbei, direkt über das schöne Sauerland an unser Ziel nach Iserlohn. Von dort aus direkt wieder zurück nach Bad Saulgau. Die Wasserkuppe müsste dann nochmal warten.

Jetzt standen da schon satte 830 km und eine Gesamtflugzeit von 5,5 Stunden auf unserem Zettel. Zum Essen würde es auf jeden Fall reichen und da zu diesem Zeitpunkt in Iserlohn Fliegerlager war, sollte auch einiges an Flugbewegung geboten werden. 

Also wieder bei der Flugleitung auf der Wasserkuppe angerufen um denen mitzuteilen, dass wir uns spontan entschieden haben nicht vorbeizukommen und unsere Tagesetappe geringfügig erweitern. Dann konnte es endlich losgehen.

Nach dem Start stellte sich schnell heraus, dass das Wetter bei weitem nicht so gut wie vorhergesagt war. Auf der Schwäbischen Alb lagen die Wolken noch auf und von oben verhinderte eine zweite Wolkenschicht die Einstrahlung der Sonne. Wir mussten Stuttgart weit östlich umfliegen, um anschließend ins bessere Wetter zu kommen. Dank Handy konnten wir über die Webcam in Heilbronn und in Aschaffenburg blauen Himmel erkennen, sodass wir beschlossen den Umweg in Kauf zu nehmen und den Flug nicht abzubrechen.

Ab Heilbronn flogen wir bei besten Wetterbedingungen und ließen die für uns bekannte Strecke bis nach Aschaffenburg Revue passieren. Der restliche Weg über Gießen, Siegen und Iserlohn verlief ehr schleppend, da uns der Gegenwind ein wenig verlangsamte. Ich kannte das Sauerland vom Segelfliegen recht gut und nutzte die Zeit um Kaddi von dieser von Talsperren und Wäldern verwöhnten Gegend zu beeindrucken. Auch wenn ich weiß, was bei uns „ganz nett“ heißt, war es diesmal deutlich positiver zu verstehen.

Voller Vorfreude auf meinen alten Heimatflugplatz, die lang ersehnte Toilette und auf ein gutes Essen schwebten wir in Iserlohn ein. Vier ehemalige Vereinskollegen, die sich auf der Terrasse sonnten und ein startendes Flugzeug war nicht unbedingt das, was ich gegenüber Kaddi prognostiziert hatte. Sie ließ es sich natürlich nicht nehmen über die gegenwärtige Situation zu schmunzeln und mir den ein oder anderen Spruch zu drücken.

 

 

Angeblich hatten die Kollegen am Vorabend etwas länger getagt, sodass gemeinschaftlich beschlossen wurde den Flugbetrieb bis zum späten Nachmittag zu neutralisieren. Somit gab es auch nichts zu essen. 

Wenig Flugbetrieb ist das eine. Aber kein Essen zu bekommen sprengte wirklich unsere Toleranzgrenze. Es musste schnell ein Ausweichplan her. Denn um einfach stumpf den Rückflug anzutreten hatte der Tag noch viel zu viel Potential. Flugplätze Richtung Norden, Osten oder Westen kamen aus Zeitgründen nicht in Frage. Es musste also schon etwas in Richtung Süden sein.

Eigentlich mussten wir es nicht aussprechen. Wenn wir uns beim Rückflug vom Nordwestwind einfach absichtlich nach Osten abdriften lassen würden (so ca.100 Kilometer), dann…..  

Kaddi holte das Telefon raus, drückte auf Wahlwiederholung und fragte auf der Wasserkuppe vorsichtig an, ob wir heute ggf. doch spontan vorbeikommen könnten. Man schien uns am Telefon noch zu kennen und stimmte zu. Während ich schnell den Flieger tankte, holte sich Kaddi von einem Flugkapitän wichtige Insidertipps für Ihren nächsten Urlaub. Dann konnte es losgehen.

Wir flogen direkt über den tiefblauen Sorpesee, überquerten das Rothaargebirge, ließen Winterberg östlich liegen und nahmen Kurs auf die Röhn. Schon weit vor Erreichen der Platzrunde bekamen wir ein Gefühl davon, wie vielseitig und intensiv der Flugbetrieb rund um die Wasserkuppe ist. Zahlreiche Segelflugzeuge kreisten unter den Wolken, Schleppmaschinen und andere Motormaschinen düsten gefühlte hundertmal an uns vorbei und die vielen verschiedenfarbigen Gleitschirme versuchten den Hangwind der Röhn zu nutzen.

 

 

Da auf der Wasserkuppe die Start- und Landerichtung entgegengesetzt zueinander verlaufen, war höchste Aufmerksamkeit geboten. Für die Flugleitung sind solche Tage relativ normal und so wunderte es uns nicht, dass im Funk eine völlige Gelassenheit wirkte. Wir reihten uns als Landenummer vier in die Platzrunde ein, verlängerten den Anflug aufgrund eines startenden Schleppzugs und landeten zeitgleich mit einem Segelflugzeug, welches die parallelverlaufende Grasbahn nutzte. Wir waren jetzt schon begeistert.

 

 

Schnell auf die Parkposition gerollt, den Motor ausgeschaltet, die Türen geöffnet und ausgestiegen. Und da war es. Anscheinend wusste der Röhngeist, dass wir heute einfliegen werden und er musste nicht viel tun um uns in seinen Bann zu ziehen.

 

 

Völlig beeindruckt von der Atmosphäre ging es schnell was essen, bevor wir den traditionellen Weg Richtung Fliegerdenkmal starteten und uns anschließend ansahen, wie die Gleitschirmflieger im Hangwind Höhe tankten.

 

 

Jetzt mussten wir nur noch unsere ehemalige Ka2 finden, die der Oldtimer Segelflugclub Wasserkuppe (OSC) reparieren möchte. Bei dem großen Areal mit seiner Vielzahl von kleinen und großen Hallen wussten wir aber nicht an welcher Stelle wir anfangen sollten zu suchen. Spontan entschieden wir uns zu einer alten Holzhalle zu gehen, in der Hoffnung durch die eingestaubten Fenster die Else zu finden. Leider ohne Erfolg. 

Viel Zeit blieb uns nicht mehr, bis wir den Heimflug antreten mussten. Es lagen noch gute 280 km vor uns und wir mussten spätestens um 19:30 Uhr zurück sein. Ich bildete mir einfach ein bisschen mehr Rückenwind ein, sodass wir ggf. noch ein bisschen mehr Zeit für die Suche hätten.

Wir trafen einen älteren Mann und fragten nach, wo wir die Halle des OSC finden würden. Der gute Herr musste ein bisschen lachen als er uns mitteilte, dass wir direkt davor standen und er selbst Mitglied des Oldtimer Segelflugclub ist. Nur von der Ka2 wüsste er nicht genau wo sie steht. Dennoch wollten wir die Hoffnung nicht aufgeben und bekamen die Möglichkeit in die Halle zu gehen. Dort erwarteten uns tolle, historische Flugzeuge. Nur von der Else fehlte jede Spur.

 

 

Der Mann öffnete eine kleine, schwergängige Holztür, durch die es zu einem weiteren Hallensegment ging. Dort standen einige ältere Flugzeuganhänger, die mit Planen überdeckt waren. Wir mussten einfach nachsehen, ob unter einer dieser Planen die Ka2 steht und wurden tatsächlich belohnt.

 

 

Um Kaddi, die auf diesem Flugzeug Ihren Alleinflug absolviert hatte, war es fast geschehen und an mir ging dieser Moment auch nicht ganz spurlos vorbei. Nach ein paar Streicheleinheiten und mit gemischten Gefühlen deckten wir die Else wieder zu und verließen die Halle.

 

 

Anscheinend reicht Kaddis Bekanntheitsgrad bis hoch an die Röhn. An die Zurufe wie „Dich kenne ich Doch“ oder „Du bist doch Kaddi“ hatte ich mich in Süddeutschland längst gewöhnt. Aber in dieser Gegend hätte ich nicht damit gerechnet. Und ehe wir uns versahen, steckten wir wieder in interessanten Gesprächen mit Pilotinnen und Piloten.

Leider mussten wir die Einladung zum Sommerfest, inklusiv Kunstflugvorführungen mit Oldtimer Segelflugzeugen ablehnen, da wir es sonst nicht mehr rechtzeitig nach Hause schaffen würden. Am nächsten Tag standen noch einige F-Schlepps auf dem Programm und wir wollten dafür ausgeruht sein.

Kurz den Flieger gecheckt und wenig später hoben wir von der Piste 06 ab, mit Ziel Bad Saulgau. Die geplante Route führte uns westlich an Würzburg vorbei, über Bad Mergentheim Richtung Schwäbisch Gmünd. Anschließend östlich um die Kontrollzone Stuttgart herum, über die Schwäbische Alb nach Bad Saulgau. 

 

 

Aber schon südlich von Würzburg entschieden wir die geplante Route zu verlassen und spontan Richtung Ludwigsburg zu fliegen. Von dort aus erhofften wir uns die Freigabe zum Durchflug durch die Kontrollzone Stuttgart, um uns den Flughafen von oben ansehen zu können. Die Fluglotsin genehmigte unser Vorhaben und erteilte die Freigabe zum Überfliegen des Flughafens von Nord nach Süd.

 

 

Der letzte Streckenabschnitt führte uns vorbei an Reutlingen, Schloss Lichtenstein, Riedlingen direkt in den langen Endanflug zur Piste 12. Dank des Rückenwinds konnten wir auf dem letzten Abschnitt noch ein bisschen Zeit gut machen und gegen halb acht krönte Kaddi unseren tollen Flug mit einer butterweichen Landung auf unserem Heimatflugplatz.

 

 

Sechs Stunden Flugzeit, fast 1.000 Kilometer Strecke und die Erkenntnis, dass Spontanität echt ereignisreich sein kann, war das Resume unserer außergewöhnlichen und unvergesslichen Tagestour. 

 

 

Beim saubermachen und einhallen war uns schnell klar, der Röhngeist wird uns noch öfters zum Berg der Flieger führen.

 

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